Medienpädagogik erobert den Erziehungsalltag

Anne Nudlbichler ist Einrichtungsleiterin der Denk mit! Zwerge München Aubing, Altostraße. Bei Denk mit! ist sie zudem als Expertin für medienpädagogische Schulungen zuständig und für die einzigartige Denk mit! App verantwortlich. Im Privaten lädt die digitalaffine Mutter ganz analog ihre Akkus wieder auf – im Wald oder beim Klavier spielen.

Woher kommt Ihr großes Interesse an dem Thema Medienpädagogik?

[Anmerkung: Medienpädagogik wird als „pädagogisch orientierte Beschäftigung mit Medien in Theorie und Praxis" (Baacke 2011, S. 4) definiert.]

Anne Nudlbichler: „Das Thema Medienpädagogik zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch meine bisherige berufliche Laufbahn. Es fing damit an, dass ich schon während meiner Ausbildung an der Fachakademie für Sozialpädagogik den Schwerpunkt auf Medienpädagogik gelegt habe.  

Als auch meine eigene Tochter dann immer mehr an digitalen Medien Interesse gezeigt hat, drang das Thema zudem stark in mein Privatleben vor. Viele Fragen standen plötzlich im Raum: Warum möchte ich nicht, dass meine Tochter zum Beispiel eine Spielekonsole hat? Ist mein Denken zu „old-school“? Sind Medien nur schlecht oder kann ich sie und ihre Vorzüge auch positiv nutzen?

Die Weiterbildung zur Online Erzieherin und pädagogischem Medienscout war daher für mich nur konsequent.“

Inwieweit hat die Corona-Pandemie die Mediennutzung in Ihrem Kindergarten verändert?

Anne Nudlbichler: „Die Pandemie hat die Auseinandersetzung mit digitalen Medien natürlich drastisch beschleunigt. Die Relevanz und Präsenz im Kindergarten, in der Schule und in der Familie ist enorm. Früher hat kein Kind im Morgenkreis erzählt, dass „Mama heute eine Videokonferenz“ hat, Grundschüler haben nicht mit ihren Klassenlehrer:innen über Skype kommuniziert und digitale Morgenkreise waren natürlich jenseits jeglicher Vorstellungen über die Gestaltung eines Kindergartenalltags. Es ist in den vergangenen Monaten unglaublich viel passiert.

Wir planen in unserem Kindergarten jetzt ein Online-Sommerfest, haben Online-Elternabende veranstaltet und bieten unseren Eltern schon länger eine Online-Sprechstunde an. Durch meinen Fokus auf Medienpädagogik wird das Thema für uns aber natürlich auch nach Corona aktuell bleiben.

Das Thema Mediennutzung wird häufig nicht nur positiv gesehen, sondern ist auch angstbehaftet. Wie hat sich Ihre Meinung hier im Zuge Ihrer Ausbildung entwickelt?

Anne Nudlbichler: „Ja, Angst ist ein ganz großes Thema bei Eltern. In vielen Familien herrscht die Einstellung ‚am liebsten gar keine Medienzeit und wenn, dann nur ganz restriktiv‘. Windelfrei, zuckerfrei, medienfrei – diese Erwartungen erzeugen so viel Druck, den ich den Eltern gerne nehmen möchte.

Während meiner Ausbildung habe ich beispielsweise gelernt, dass eine pauschale Aussage von „Kinder im Alter von 4 Jahren sollten maximal 20 Minuten Medien am Tag konsumieren“ weder zeitgemäß noch zweckmäßig ist. Gerade jetzt, mit Lockdown, Homeoffice oder gar Quarantäne, bedeutet das oft, dass Eltern ein immens schlechtes Gewissen gemacht wird, wenn sie ihr Kind während einer Online-Konferenz oder auch mal für eine kurze Verschnaufpause fernsehen lassen. Ich möchte aufklären und für eine entspannte und gleichzeitig verantwortungsvolle und kindgerechte Mediennutzung plädieren.

Was heißt das für Eltern?

Anne Nudlbichler: „Medienzeiten dürfen ruhig je Familie individuell auf das Kind angepasst werden, es gibt hier keine allgemeingültige Norm. Jedes Kind ist anders und reagiert anders – beispielsweise auf das Fernsehen oder Videospiele. Eltern dürfen sich trauen, da genau hinzusehen und selbst zu entscheiden. Zum Beispiel: Tut meinem Kind die Serie vor dem Einschlafen gut?

Ein gesundes Mittelmaß und Balance sind wichtig. Natürlich sollen sich Kinder an der frischen Luft austoben, Handy oder Tablet weglegen und sich zum Ausgleich mit Bausteinen, Knete oder Büchern beschäftigen. Gleiches gilt übrigens auch für die Erwachsenen.

Welche Themen sind Ihnen im pädagogischen Umgang mit Medien besonders wichtig?

Anne Nudlbichler: „In erster Linie gilt, dass der Medienkonsum kindgerecht sein muss. Zum Beispiel kann ein Kindergartenkind nicht lesen oder schreiben, geschweige denn die Langzeitfolgen abschätzen. Die Verantwortung, was konsumiert und wie es genutzt wird, liegt also bei den Eltern. Und auch wir als Pädagog:innen müssen genau hinhören, was die Kinder in der Einrichtung eventuell verarbeiten.

Bei aller nötigen Entspanntheit und Offenheit für den technischen Fortschritt ist es wichtig, dass sich Pädagog:innen und Eltern dabei der Gefahren der digitalen Vernetzung bewusst sind. Cybermobbing ist beispielsweise ein ernstes und sehr präsentes Thema unter Kindern.

Die Anonymität des Internets birgt weitere Tücken: Schnell ist ein Abo bei einem harmlos wirkenden Spiel abgeschlossen oder eine für Kinder verstörende Seite öffnet sich bei einem falschen Klick! Bei größeren (Grundschul-) Kindern werden dann Themen wie sexuelle Belästigung über soziale Medien wie TikTok oder der Datenschutz bei WhatsApp relevant.“

Welche Medien-Projekte wurden in Ihrem Kindergarten bereits umgesetzt?

Anne Nudlbichler: „Das sind viele. Ein Beispiel für ein spannendes, kleines Medienprojekt war ganz aktuell der Aubinger Spendenlauf, bei dem unsere Gruppe sich sogar den ersten Platz erkämpft hat. Wir haben uns mit den Vorschülern die Online-Berichterstattung dazu angesehen und besprochen, wie die Interaktion mit Likes und Kommentaren in den sozialen Netzwerken funktioniert. Es war für die Kinder ein großer Aha-Moment, als sie das Foto, das der Fotograf – natürlich mit Einverständnis der Eltern – beim Lauf von ihnen gemacht hat, nun auf einmal auf unterschiedlichsten Websites wiedergefunden haben. So eine digitale Aufklärung ist aus meiner Sicht heutzutage eine entscheidende Ergänzung zum klassischen Vorschulprogramm.“

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Aufgabenprofil als Online Erzieherin von Ihren bisherigen Aufgaben?

Anne Nudlbichler: „Zu den herkömmlichen Aufgaben als pädagogische Fachkraft kann ich als Online Erzieherin auch medienpädagogische Projekte umsetzen und die Kinder spielerisch an das Thema Medien heranführen. In der Schule wird mittlerweile vielerorts mit Whiteboard statt Tafel gearbeitet und von den Kindern erwartet, dass sie beispielsweise für ein HSU (Heimat und Sachunterricht) Referat Informationen online recherchieren und ausdrucken können. Darauf bereite ich sie vor.“

Neben Medien-Projekten mit den Vorschülern gehören auch die Aufklärungsarbeit der Kolleg:innen und Eltern sowie allgemein eine Digitalisierung des Kindergartens zu den Aufgaben der Online Erzieher:innen. Zum Beispiel die Umsetzung von Online-Elternabenden oder die Einführung von Medien und Apps im Erziehungsalltag der Einrichtung.“

Wie lange dauert die Fortbildung zur Online Erzieher:in?

Anne Nudlbichler: „In meinem Fall hat sie etwa 20 Stunden gedauert plus etwa 15 Stunden, die ich zusätzlich für meine Facharbeit gebraucht habe. Es kommt sehr stark auf den individuellen Wissenstand an. Da ich aufgrund meiner Ausbildung und weiteren Fortbildungen schon viele Vorkenntnisse im Bereich Medienpädagogik hatte, ging es recht zügig.“

Können Sie eine solche Fortbildung auch anderen Erzieher:innen empfehlen?

Anne Nudlbichler: „Eine Fortbildung rund um digitale Medien kann ich uneingeschränkt allen Pädagog:innen ans Herz legen. Je nach Alter der betreuten Kinder und dem individuellen Wissensstand kann aber eventuell auch eine Weiterbildung zum pädagogischen Medienscout sehr hilfreich sein. Hier lag mein zeitlicher Aufwand bei etwa 16 Stunden. Thematisch wird bei dieser Weiterbildung der Fokus auf Schulkinder bis hin zu jungen Erwachsenen gelegt. In diesem Alter kommen natürlich noch ganz andere Themen auf als im Elementarbereich.“

Vielen Dank für diesen spannenden Einblick, Frau Nudlbichler.

 Anne Nudelbichler

Kostenfreies Webinar Medienpädagogik und Online Erziehung

Diesen Jahr lädt Denk mit! alle interessierten Erzieher:innen zu einem kostenlosen Webinar zum Thema Medienpädagogik und Online Erziehung ein. Pädagog:innen und Interessierte aus ganz Deutschland, sind herzlich zu unserem digitalen Seminar eingeladen – ganz unabhängig davon, ob sie für Denk mit! arbeiten oder nicht.

Anne Nudlbichler wird als Referentin durch das Webinar führen und auch die Möglichkeit nutzen, Fragen und individuelle Fallbeispiele zu behandeln. Der Schwerpunkt des Webinars liegt auf der Medienpädagogik im Elementarbereich, es wird aber auch ganzheitlich über das Thema Medien bis hin zum jugendlichen Alter referiert.“ Haben Sie Interesse? Auf Facebook halten wir Sie auf dem laufenden und informieren Sie sobald der Termin feststeht.