Wenn Kinder nicht mehr essen wollen - normal oder besorgniserregend?

WICHTIG! Dieser Artikel bezieht sich auf gesunde Kinder. Es gilt die ausdrückliche Empfehlung im Rahmen einer kinderärztlichen Untersuchung abklären zu lassen, ob das auffällige Essverhalten gesundheitliche Ursachen hat.

Unser höchstes Ziel als Pädagogen ist das Wohlergehen und die positive Entwicklung der uns anvertrauten Kinder sicherzustellen. Wir wollen, dass es ihnen gut geht und tun alles dafür, dass sie sowohl physisch als auch emotional wachsen können. Den Eltern der Kinder geht es natürlich nicht anders.

Zum Wohlergehen eines jeden Menschen gehört die regelmäßige Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme. Beides ist für uns so elementar wichtig, wie die Luft zum Atmen.

Meist ist deshalb die Sorge groß, wenn ein Kind plötzlich nichts oder nur noch wenig isst

Was bisher die Leibspeise war, wird plötzlich verschmäht. Doch warum verändern manche Kinder von einem Tag auf den anderen ihr Essverhalten? Wann müssen sich Pädagogen und Eltern ernsthafte Sorgen machen?

Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu erhalten, hat unsere Kollegin Alishja den Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Tobias Reploh zu einem Interview rund um das Thema kindliches Essverhalten gebeten. 

 

Denk mit!: Das Thema Essen ist ja mit Kindern nicht immer einfach. In meiner Zeit als Erzieherin hatte ich einmal die Situation, dass ein Kind eine Zeit lang weder in der Kita, noch daheim etwas gegessen hat. Natürlich haben sich alle schon Sorgen gemacht.

Was würden Sie denn sagen: Ist es normal, dass Kinder mal eine Zeit lang nichts, beziehungsweise nur kaum etwas, essen? Mit einer Zeit lang meine ich nicht nur ein paar Tage, sondern mehrere Wochen oder Monate. Und wenn ja, woran kann das liegen?

Dr. med. Tobias Reploh:

Das ist eine gute Frage. Die Antwort ist relativ leicht: Ja, das ist total normal. Kinder essen eigentlich nie so, wie wir das als Erwachsene gerne hätten. Die vorhandenen Ernährungsempfehlungen entsprechen einfach nicht immer den Wünschen und Vorlieben der Kinder. Das war bei uns als Kind nicht anders, wir haben auch nicht immer das gegessen, was unsere Eltern wollten. Das wird auch immer so bleiben.

Um das Warum zu verstehen, muss man sich die Ernährungsentwicklung bei Kindern genauer ansehen. Sie gestaltet sich wie folgt: Am Anfang steht die Säuglingsphase (bis zum Alter von 12 Monaten). Hier steht primär die Milchernährung im Vordergrund. Diese wird dann durch die langsame Einführung von Breikost ersetzt. Anschließend erfolgt der Übergang zur Familienkost, welche die Breikost ablöst. Das alles passiert in den ersten 12 Monaten, es wird aber eine Toleranz bis zu einem Alter von 24 Monaten eingeräumt.

Zum Ende und im Anschluss an diese Zeit essen Kinder eigentlich ziemlich vielseitig und umfangreich, weshalb die Bezugspersonen sich freuen, weil das Kind beispielsweise sogar Oliven oder ähnliches isst. Es ist auch sehr sinnvoll, den Kindern in dieser Zeit ein sehr hohes und vielseitiges Nahrungsspektrum anzubieten, denn das wird später auch wiederkommen.

Dennoch erfahren die meisten Bezugspersonen dann mit ca. 2 Jahren eine plötzliche Ablehnung von dem Kind, weil es anfängt sehr selektiv zu essen. Im Englischen wird das auch „picky eating“ genannt. Hier kommt dieses klassische „nur noch Nudeln mit Butter“ essen zum Vorschein. Die Kinder essen extrem einseitig, fast schon wie eine Art Trennkost. Beispielsweise isst das Kind zwar noch das Toast und Butter darf auch noch darauf sein, aber die Scheibe Schinken muss daneben liegen und darf den Toast nicht einmal berühren.

Hier kommt dann die Interaktion mit den erwachsenen Bezugspersonen ins Spiel, oft ganz besonders mit der Mutter. Denn die Mutter hat diesen mütterlichen Urinstinkt der ihr sagt: „Ich muss mein Kind ernähren“. Oft bekommen die Bezugspersonen in der Phase des selektiven Essens das Gefühl, dass das Kind nicht mehr genug isst. Und hier ist der entscheidende Punkt, in dem sich die ganze Situation wandeln kann. Sobald das Gefühl vorherrscht, „mein Kind muss aber etwas essen“, gerät Druck hinter die Nahrungsaufnahme und dann wird es schwierig.

Das in der Frage beschriebene Szenario, das viele Pädagogen und Eltern kennen, geschieht also meist ab dem Alter von zwei Jahren. In dieser Zeit gestaltet sich die Essenssituation oft als schwierig. Klar gibt es auch Kinder, die genau das gegenteilige Verhalten aufzeigen und einfach sehr, sehr viel essen. Das ist aber eher die Seltenheit. Meist ist es dieses „zu wenig“ essen, das den Bezugspersonen Sorge bereitet. Und genau dann wird es kritisch. Meist bekommen die Kinder doch noch das ein oder andere Milchfläschchen, weil man es noch nicht geschafft hat, es ihnen völlig abzugewöhnen. Oft geben die Bezugspersonen dem Kind dann wieder mehr Milch- oder Fruchtsaftfläschchen, ganz nach dem Motto: lieber Milch/Fruchtsaft, als gar keine Nahrung. 

So kommt es dann, dass das Kind unbewusst morgens, abends und nachts wieder Fläschchen bekommt. Dadurch trinkt das Kind dann pro Tag 600-800 ml (oder mehr) Milch oder Fruchtsaft. Das bewirkt, dass das Kind aufgrund der Fläschchen eigentlich schon satt ist und keinen Hunger mehr auf normale Mahlzeiten hat. Weil es deshalb nur wenig isst, bekommt es zwischendrin immer wieder kleine Snacks, zum Beispiel beim Spielen. Immer mit dem Hintergedanken: „Damit es überhaupt etwas isst“. Daraufhin sitzt das Kind bei der nächsten Mahlzeit wieder am Tisch, hat keinen Hunger und isst nichts. Und schon ist man in diesem Kreislauf drin.

 

Denk mit!: Alles klar, das macht Sinn. Wie sieht es denn aus, wenn Kinder schon älter, also beispielsweise im Kindergarten, sind? Ist es da denn auch normal, dass sie plötzlich anfangen nichts mehr beziehungsweise nur sehr wenig essen zu wollen?

Dr. med. Tobias Reploh:

Die Ernährung ist, genauso wie das Schlafen, ein sehr schwieriges Thema. Es ist sicherlich etwas ganz Individuelles, weil jeder Mensch anders ist und es nicht DIE eine Essenssituation oder -gewohnheit gibt. Das Essverhalten bei Kindern ist, genauso wie bei uns Erwachsenen auch, schwankend.

Um auf die Frage zu antworten: Natürlich tritt dieses Verhalten auch im Kindergartenalter auftritt. Die Frage ist nur: Zieht es sich von dieser altersbedingten Situation mit 12 bis 24 Monaten immer weiter bis in das Kindergartenalter mit und wurde dieses besondere Essverhalten „antrainiert“? Oder tritt es neu auf?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Situationen. Wenn es neu auftritt, sollte man abwarten und sich gegebenenfalls beim Kinderarzt vorstellen. Meist ist es so, dass es ebenso schnell wieder vergeht, wie es auftritt. Aber wenn sich das besondere Essverhalten schon mitzieht, seit das Kind am Tisch mitisst und es im Kindergartenalter immer noch vorhanden oder sogar schlimmer geworden ist, dann ist es etwas komplizierter. Man sollte auf jeden Fall einen Kinderarzt zu Rate ziehen und sich bewusst machen, dass im Zweifelsfall ein über die Jahre gelebtes Verhalten nochmal nachbearbeitet werden muss.

 

UNSER EXPERTE:
Dr. med. Tobias Reploh

Dr. Tobias Reploh ist Kinder- und Jugendarzt und betreibt eine Kinderärztliche Gemeinschaftspraxis in Bad Tölz. Zusätzlich ist er Kindernotarzt, leitender Notarzt, stellv. Chefarzt des Bayerischen Roten Kreuzes (Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen), ehrenamtlich aktiv als Bergwachtnotarzt und stellv. Vorsitzender des Tölzer Notärzte e.V.

2008 veröffentlichte er seine Dissertation über die langfristige Evaluation des Erfolges der stationären Rehabilitationsmaßnahme bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

 Dr. med. Tobias Reploh

Erfahre in TEIL 2  unseres Beitrags, wie du als Bezugsperson damit umgehen kannst, wenn Kinder plötzlich nicht mehr essen wollen.